Es lebe die Revolution!

Digitalisierung, Globalisierung, Interaktivität: In der Medienrevolution ist gut zu wissen, wer man ist und wohin man geht. Die 2012 verabschiedete Unternehmensstrategie und die ­Arbeit daran brachten der SRG mehr Klarheit und Kohärenz. Erstmals haben wir eine Strategie, die nicht einzig Manage­mentziele vorgibt, sondern Entwicklungslinien unseres Radio-, Fernseh- und Online-Angebots aufzeigt.

Angesichts der globalen Konkurrenz auf dem Medien- und Werbemarkt bekräftigt die Strategie unseren Willen zur Zusammenarbeit mit Verlegern und privaten Medienhäusern, wo dies im beidseitigen Interesse liegt. Was verbindet uns mit den kommerziellen Medienunternehmen, was unterscheidet uns von ihnen? Um solide Partnerschaften zu pflegen, müssen wir dies reflektieren – im Vertrauen in unsere Stärken und im Wissen um unsere Schwächen.

Die SRG versteht sich als trimediales Service-public-Unternehmen. Trimedial deshalb, weil sie mit dem Publikum mitgeht und die Sendungen, Videos oder Audios dort anbietet, wo die Gebührenzahlenden sind: sowohl auf den Radio- und Fernsehkanälen als auch im Internet. Die Mediennutzung ändert sich ­rasant. Das ist keine Bedrohung, sondern eine schöne Chance für den audiovisuellen Service public. Eine Herausforderung, die wir entschlossen bewältigen, wie es ihrerseits etliche private Medienhäuser tun. Radio- und Fernsehkanäle leben von der Kontinuität, hingegen ist beim Online-Angebot Agilität gefragt. Kontinuität und Agilität zu einer Unternehmenskultur zu verbinden, macht gewiss eine unserer Stärken aus.

So schalteten RTS und SRF 2012 ihre neuen «konvergenten» Websites auf, die viel Nutzungskomfort und dank Bündelung von Audios und Videos eine grössere Vielfalt bieten. Statt ­zwischen Radio- und TV-Websites zu wechseln, greift das ­Publikum per Mausklick auf das ganze Medienangebot seiner Sprachregion zu. Und dabei bauen unsere Websites erst recht auf die Kernkompetenz der SRG: auf das Audiovisuelle – Bild und Ton. Neu sind die Komplementarität zwischen Audios und Videos und die Interaktivität; so bietet die Ansicht «Social View» auf der SRF-Website die Gewichtung der Themen durch das Publikum statt durch die Redaktionen. Zum Vorteil des Schweizer Volks, das die SRG finanziert, setzen wir auf ein attraktives trimediales Wechselspiel – aber mit anderem Schwerpunkt als die Verlagshäuser, die dem Text als ihrer Kernkompetenz den Vorrang geben. Das geschriebene Wort hat für uns selbstverständlich seinen Stellenwert, es steht aber im Dienst der audiovisuellen Produktion.

Die SRG hat einen Leistungsauftrag für acht Millionen Einwohnerinnen und Einwohner in den vier Sprachregionen, einschliesslich sinnesbehinderter Menschen. Vor allem verpflichtet uns der Service-public-Auftrag, oft auch andere Themen auf­zugreifen oder manches Thema anders anzugehen, als es die kommerziellen Medien tun.

Der Service public bemüht sich um Qualität für das breiteste Publikum: Wir greifen nicht nur das Interessante auf, sondern versuchen, das Relevante interessant aufzubereiten: Mit ­hohem journalistischem Aufwand wollen wir die Neugierde für Sachverhalte wecken, die zwar wichtig, aber nicht eingängig und quotenträchtig sind. Aus Überzeugung stehen wir zu unserem nicht-kommerziellen Auftrag, oft ganz unspektakulär die eidgenössische Vielfalt abzubilden, Eigenheiten des Landes und der Regionen feinzuzeichnen, sachgerecht und ausgewogen zu berichten und dabei durch und durch journalistisch ­vorzugehen.

Service public bedeutet den Verzicht auf Meinungsjournalismus, nicht aber auf Einordnung und Analyse der Informationen. Service-public-Journalisten sind dem Marktdruck tendenziell weniger ausgesetzt als die Mehrzahl ihrer Kolleginnen und ­Kollegen bei kommerziellen Anbietern; sie profitieren von Unabhängigkeit und einer unantastbaren «inneren Pressefreiheit»: In ihrer journalistischen Arbeit haben SRG-Redaktionen weder auf die spezifischen Interessen des Arbeitgebers Rücksicht zu nehmen, noch diese Interessen zur Geltung zu bringen.

Unsere Korrespondentinnen und Berichterstatter beziehen selbstverständlich oft Stellung, wobei über alle Sendungen ­hinweg Meinungsvielfalt herrscht. Eine Service-public-Aufgabe ist es, zu einer lösungsorientierten demokratischen Debatte beizutragen, komplexe Sachverhalte ohne entstellende Vereinfachung aufzuschlüsseln und um sich greifende Entwicklungen – heute etwa den Populismus – aufzuzeigen, ohne sie aus ­Sensationslust zu verstärken. Der SRG ist dies Auftrag, Pflicht und Privileg.

Dem Publikum zu dienen – das bedeutet in einem der am meisten globalisierten Länder aber auch, ein aufwendiges globales Korrespondentennetz zu spannen (das die Radio- und Fernsehanbieter anderer kleiner Staaten unter Spardruck verkleinert haben). Zudem gilt es beispielsweise, die unabhängige Schweizer Filmproduktion und ihre Kreativität zu unterstützen: Wo helvetische Kreativität zur Geltung kommt, wird helvetische Identität gestiftet.

Die Konzession lädt die SRG zu einem beherzten Kulturengagement ein – nicht bloss, indem sie wie private Medien darüber berichtet, sondern auch, indem sie ihren Beitrag zur Produktion von Kultur leistet. So wurde 2012 der neue «Pacte de l’audio-visuel» unterzeichnet; in diesem Abkommen mit der unabhängigen Filmbranche verpflichtet sich die SRG, innert vier Jahren 90 Millionen Franken in ein hochwertiges schweizerisches Filmschaffen zu investieren. Partnerschaften erstrecken sich auch auf die Literatur und die Musik. Ohne Service public gäbe es je länger, je weniger Schweizer Jazzproduktionen; ausserhalb der Agglomerationen fänden weniger klassische Konzerte statt.

Qualitätsanspruch und das Streben nach mehr Schweizer Produktion gelten für das gesamte Programm. Unsere Unterhaltungssendungen achten auf einen respektvollen Umgang mit den Teilnehmenden, niemand belustigt sich auf ihre Kosten. Unsere Sportsendungen verbinden die Eidgenossen über die Sprachgrenzen hinweg. Wir bemühen uns um das gegenseitige Verständnis und den Austausch zwischen den Kulturkreisen, die unsere Willensnation und ihren Reichtum ausmachen.

An alledem zeigt sich die etwas andere Rolle der SRG in der ­Medienlandschaft. Sie ist das Medienhaus für ausnahmslos alle im Lande. Sie wendet sich gleichermassen an ein urbanes und ein ländliches Publikum, an Jugendliche und Junggebliebene, an Lehrlinge und Akademiker, an Schweizer Bürgerinnen und ausländische Mitbürger, an die Minderheiten und an die Mehrheit, an Sinnesbehinderte und Nichtbehinderte. Darin liegt eine Stärke, das ist unser «Markenzeichen», und genau das begründet die hohe Glaubwürdigkeit der SRG im Schweizer Volk. Gleichzeitig zeigt es unsere Grenzen auf.

Es gehört zu unseren Aufgaben, in der Informationsflut Orientierungshilfen zu bieten und in einem zusehends kommerziell gesteuerten Medienbetrieb eisern am journalistischen Qualitätsmassstab festzuhalten. Im Gegensatz zu privaten Medienhäusern ist es uns jedoch selten möglich, Sparteninteressen ganz zu befriedigen. Ein Lokalradio ist besser geeignet, über das Geschehen in seinem Einzugsgebiet feinmaschig zu informieren und zum Gemeinschaftsgefühl des lokalen Publikums beizutragen. Entscheidungsträger, die spezifische Fragen noch stärker vertiefen möchten, bleiben auf eine qualitativ hochstehende Tageszeitung und ihr Online-Angebot angewiesen. Ein Magazin, das dem Meinungsjournalismus frönt, dient seiner Zielgruppe als Resonanzkörper und mag zuweilen auf die politische Agenda einwirken. Kommerzfernsehen schliesslich ist in der Lage, sehr spezifische Zielgruppen an sich zu binden, indem es von morgens bis abends mit massgeschneiderten Programmen um ihre Gunst buhlt.

Für das Funktionieren einer partizipativen Gesellschaft und einer direkten Demokratie ist ein glaubwürdiger, anspruchsvoller audiovisueller Service public unerlässlich – und ebenso eine reichhaltige kommerzielle Medienlandschaft. Die eine Seite zu schwächen, bedeutet nicht, die andere zu stärken – das gilt in beiden Richtungen. Gern arbeitet die SRG mit anderen Akteuren der Medienbranche zusammen, um die Wettbewerbskraft des Medienplatzes Schweiz in der Globalisierung zu mehren. Weiterhin werden wir kräftig in die Ausbildung von Journalistinnen und Journalisten investieren, audiovisuelle Schweizer Produktion unterstützen und uns um handfeste Partnerschaften mit jenen Verlegern bemühen, die wie wir dialogbereit sind.

Die SRG handelt im Geist der «Coopetition»: Kooperation, um einander zu stärken, und Kompetition, um trotz Konzentration der Presse die Vielfalt zu erhalten. Wer den Medienplatz Schweiz stärken will, dem sind wir ein guter Partner. Die SRG jedenfalls bleibt in der Medienrevolution zuversichtlich – wir wissen, welchen Weg wir beharrlich gehen wollen, und sind agil genug, die Chancen dieser Revolution zu nutzen.

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